Ein in der Neuen Züricher Zeitung am 7./8. Juni 1986 erschienener Artikel von Walter Gut
„über die Hochherzigkeit im öffentlichen Bereich"
enthält einen ernstzunehmenden ethischen Aufruf zum Umgang mit der Macht. 
(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Es lohnt sich, nach der aristotelischen Verfahrensregel die Extremhaltungen links und rechts außen zu umschreiben, um hernach aus deren Vergleich die rechte MITTE zu erkennen, die dem hohen Gebot des sachgerecht angemessenen entspricht, bei dem es weder ein Zuviel noch ein Zuwenig gibt. Dass aber die zu umschreibende ethische Haltung nicht „Mittelmäßigkeit", sondern die IDEALE HOCHFORM des sittlichen Handelns ist, die man selten voll verwirklichen, an die man sich vielmehr nur annähern kann, das haben die klassischen Ethiker als selbstverständlich vorausgesetzt.

So findet man zur Linken den Kleinmut, die Kleinlichkeit, die Ängstlichkeit, die Halbherzigkeit und Hasenherzigkeit.

Zur Rechten macht sich Vermessenheit, überschießender Ehrgeiz, Hochmut, eitle Ruhmsucht und Prahlerei breit. 

Irgendwo in der guten Mitte liegt nun die Hochherzigkeit. Vielleicht gelingt es, in enger Anlehnung an die klassische ethische Tradition, von drei Seiten her zu ihr den Zugang zu finden:

Hohe Ziele, weiter Horizont

l. Der Geist des hochherzigen Menschen versammelt sich, wie schon die großen Ethiker andeuten, auf das wirklich Bedeutsame, auf weittragende Unternehmungen, auf die hohen und großen und auch schwierig zu verwirklichenden Dinge, auf politische Vorhaben von hervorragendem geistigem Gewicht und von beträchtlichem innovatorischem Ausmaß wie auch auf die — das viele Einzelne übergreifenden — langfristig bedeutsamen Ideen und Ziele. Den hochherzigen Politiker fesselt das Endziel, der eigentliche Sinn, der hinter den Aktivitäten und. Quisquilien der Alltagspolitik steht. Ein großes schwieriges Werk für die Gemeinschaft zu realisieren, das vermag den Einsatz aller seiner Kräfte herauszufordern. Die kleinen hinderlichen Steine auf dem Weg pflegt er dabei zu übersehen. Vom Widerwärtigen macht er kein Aufhebens, er vermag nicht in ihn einzudringen. Gemeinschaftssinn und Vaterlandsliebe, Blick für Würde und Ehre des Staates, Sinn für deren angemessene Darstellung in der äußern Erscheinung, in gediegener Form und Feier, inneres Verständnis für die tragende Kraft der Geschichte der Gemeinwesen und für den zukunftsbezogenen Auftrag, der in jedem historischen Erbe verborgen liegt, die Faszination, die von der Herausforderung ausgeht, das Bonum commune, das Wohl . der Gemeinschaft, allezeit wirksam zu fördern, die Zuneigung zur Pflege der quantitativ nicht messbaren hohen ideellen Güter: Dies alles sind erprobte Kennzeichen des hochherzigen Menschen.

Der Horizont seines politischen Denkens und Handelns dehnt sich im Vergleich zu den kurzzeitigen, punktuellen Zielen der Tagespolitik aus: Ihm stehen der weite Blick und der lange Atem zu Gebote. Er achtet sich auf die langen Zeiträume.

Eine würdige Wohnstätte auch den kommenden Generationen zu erhalten gehört zu seinen selbstverständlichen politischen Zielen. Auch ohne den. günstigen politischen Wind setzt er sich mit Kraft: für zur Zeit unbeliebte, aber notwendige politische Maßnahmen ein, auch wenn sich ihre guten heilenden Wirkungen erst Jahre später zeigen werden. Sein politisches Denken neigt zur universalen, globalen Betrachtung: r erkennt sein Volk als Teil der Völkergemeinschaft. Er ist sich der Pflicht zur internationalen Solidarität bewusst, und er entgeht der Gefahr, die nationalen Ziele zu verabsolutieren oder sich in engherzige und eigensinnige Isolation einzukapseln. Denn mit seinem ausgeprägten Sinn für das Angemessene weiß er seinen Staat und seiner Nation den rechten Standort im Rahmen des Ganzen zuzuordnen.

Nie verliert er den großen Überblick.

Die Gabe des Übersehens, des Vergessens und auch des Verzeihens ist ihm eigen.


Im Zweifelsfall geht er vom guten Glauben der Beteiligten aus. Denn bei ihm überwiegt ein zuvorkommendes, entgegenkommendes Vertrauen, das — wie im Spiegelbild — in einem ungetrübten, gefestigten Selbstvertrauen wurzelt. Belastende Vergangenheit stellt sich ihm auf dem Gang in die immer neu zu meisternde Zukunft nicht in den Weg; das Bemühen, eine bessere Zukunft anzubahnen, aktiviert vollauf seine Kräfte, und das sonst hinderliche Geröll und Geschiebe jüngst vergangener oder historischer Fehlleistungen schiebt er, ohne ihm lange Beachtung zu schenken, beiseite. Die von vielen positiven Zeichen gestützte Annahme, dass zahlreiche mitstreitende Zeitgenossen, vom besten Willen beseelt, eine menschenwürdige Gesellschaft und einen menschenwürdigen Staat verwirklichen wollen, verdichtet sich bei ihm zu einer starken inneren Zuversicht. Diese Zuversicht beflügelt seine Kräfte, und sie wirkt durch ihren nach vorne gerichteten kraftvollen Zug ermutigend — bewegend für die Zeitgenossen jeden Alters. Der hochherzige Mensch ist ein Mensch der ansteckenden Hoffnung...

Derartige Ziele wären dem andauernden Parteienegoismus sicher im Interesse des Gemeinwohls vorzuziehen.
Dies erfordert jedoch höhere Einsicht .

Dennoch muss das Volk in periodischen Abständen seinen Willen geltend machen können, damit nicht wieder die verhängnisvolle Eigenmechanik ..gottgewollter" Erbfolge oder Absolutismus gleich welcher Form eintritt. Alle Seiten müssen sich gegenseitig kontrollieren können!
Das muss aber in Abhängigkeit der autopoietischen Struktur geschehen, dem AP-System der ECP. Anders kann das nicht funktionieren.

Eine zeitlich begrenzte, an demokratischen Richtlinien orientierte Monarchie, die das Gleichgewicht herstellt, weise, menschenfreundliche Führer an ihrer Spitze hat, die die Wirtschaft fördert, dem Abhängigen Sicherheiten gibt, die verlorene Söhne wieder aufnimmt, bereit ist, zu teilen, sich auf tatsächliche abendländische, christliche Ethik stützt, auf Worte auch Taten folgen lässt, allen Menschen Hoffnung gibt, diese Regierungsform wäre in der Tat allen bisherigen überlegen.

Sie stellt kein träumerisches, auf Wunschdenken zurückzuführendes, unerreichbares Ideal dar, sondern erfordert lediglich einen „weisen Fürsten" der die Wahrheit verwirklicht.
Das ist die Politik der ECP!